Mein Schreibtisch

Mein Schreibtisch steht in meinem Arbeitszimmer. Früher stand er noch in meinem Kinderzimmer.

Die Hausaufgaben habe ich in der Küche meines Elternhauses gemacht. Und die Schule habe ich außer Haus besucht.

Das wirklich Wichtige war meinem Schreibtisch vorbehalten.

Ein Buch, das ich gerade las oder noch lesen wollte.

Meine Notizen.

Ich kann mir kein Leben ohne meinen Schreibtisch vorstellen. Es muss nicht einmal mein eigener sein. Ich kann meinen Schreibtisch in vielen Tischen wiedererkennen. Wenn ich einmal „woran sitze“, habe ich es fast so schön wie zu Hause. Wo halt der Schreibtisch steht, den ich mit niemandem teilen muss.

Man muss die Beine unter dem Tisch ausstrecken können. Er kann einfach gehalten sein. Ich mag keine klobigen Tische mehr. Meinen Schreibtisch aus Massivholz habe ich erst kürzlich an einen Studenten verkauft. Er hat Schnitzereien, die Vögel darstellen.

Na gut.

Manchmal vermisse ich ihn noch.

Mein Schreibtisch ist mein Arbeitsplatz

Was ich damit sagen will: Mein Schreibtisch ist kein Gegenstand, an dem ich hänge oder den ich besonders lieb habe. Er ist ein Gebrauchsgegenstand.

Ich fühle kaum einen Verlust, wenn ich ihn zurücklasse.

Ein Schreibtisch ist kein Vergnügen. Man hat keine Freizeit an ihm. Man hat etwas zu tun.

Was tue ich an ihm?

Meine Büroarbeit.*

Meine Schreibarbeiten.

Man sitzt nicht einfach nur an ihm, um sich ein bisschen die Wochen und Monate zu vertreiben. Wie man zum Beispiel auf der Kautsch hocken und in das gewitzte Telefon hineingucken kann. Hineinversinken. Oder in den Fernseher.

Es hat einen gewissen Ernst und eine Verpflichtung. Hier muss ich schon was tun. Hier kann ich was tun. Hier ist mein Arbeitsplatz!

Mein Arbeitsplatz zu Hause heißt neuerdings „Homeoffice“

Das „Homeoffice“ hat sich ergeben, wie sich Wohnorte und Freundschaften ergeben können. Es hat, seit ich einen Schreibtisch habe, dazu gehört (auch wenn ich es nicht so genannt habe.)

Es waren halt meine Beschäftigungen, denen ich zu Hause nachging, meine Hausaufgaben, mein Pauken und Büffeln, mein Studieren, meine Einsamkeit und meine ersten Schreibversuche – meine Arbeit hat fast immer zu Hause stattgefunden.

Niemand wollte das wirklich „Homeoffice“ nennen. Selbst wenn man seiner beruflichen Tätigkeit von zu Hause nachgegangen ist. Das Wort war nicht besonders gebräuchlich und man hat sich ein bisschen geschämt, wenn man es benutzt hat.

„Homeoffice“ war nur eine Beschönigung dessen, was eigentlich Sache ist. Ein anderes Wort dafür, dass etwas nicht stimmt. Wenn es nicht einer bestimmten Notlage geschuldet war, für die man selbst gar nichts konnte, war es ein Karriereknick.

Man war schon fast am Ende, wenn man sein berufliches Dasein im Homeoffice zu fristen hatte.

Das Arbeiten von zu Hause kann seine Schwierigkeiten haben

Noch heute, und ich würde behaupten, noch in den allermeisten Fällen, ist das Arbeiten von zu Hause mit Vorurteilen oder sogar mit Ängsten und Befürchtungen behaftet:

Es kann zu keinem sozialen Miteinander, beispielsweise beim Kaffeekochen, kommen.

Der Austausch unter Kollegen ist auf Telefon- und Videokonferenzen, E-Mails und Kurznachrichten beschränkt.

Man kann nicht in die Kantine essen gehen oder mit Kollegen Mittagspause machen. Man muss für sich selbst kochen oder sitzt alleine auf dem Sofa.

Und so weiter.

Die Frage ist, ob uns das „Homeoffice“ wirklich zugemutet werden kann oder nicht. Und wie lange.

Die Arbeitswelt wandelt sich – wie sie es immer getan hat. Büroarbeiten werden wohl teilweise ins „Homeoffice“ hinüberrationalisiert werden können. Nicht als Notlösung sondern als eine besonders wirtschaftliche Herangehensweise: die Kosten können gesenkt werden – weil der eine oder andere Arbeiteitsraum nicht mehr benötigt wird. Die Arbeitszeit, die für das Durchmessen der Korridore und Herumstehen und Versammeln in Konferenzräumen gebraucht wird: das gibt es im „Homeoffice“ nicht.

Bei der Arbeit von zu Hause kommt es auf Arbeitsergebnisse an und weniger darauf, wie lange man arbeitet

Wenn wir unsere Arbeit nicht mehr im Bürogebäude hinter uns zu bringen haben, haben wir keinen Achtstundentag – im herkömmlichen Sinne – mehr. Wir machen die Arbeit und fertig. Es kann sein, dass wir in der Hälfte der Zeit mehr hinkriegen als vor und nach den Kaffeepausen im Büro. Es kann sein, dass wir uns verbeißen und gar nicht mehr fertig werden.

Die Bezahlung von Arbeit nach Arbeitsstunden kann hier nicht mehr funktionieren. Wer lange arbeitet, hat im herkömmlichen Sprachgebrauch auch viel gearbeitet…

Was für ein Blödsinn.

Wer lange arbeitet, kann lange arbeiten. Er kann aber auch nicht klarkommen. Nicht oder kaum arbeiten. Oder nur ganz langsam arbeiten. Oder gar nicht.

Wie kann die Arbeitszeit im Homeoffice erfasst werden? Hat die überhaupt noch eine Rolle zu spielen?

Wie lange man gearbeitet hat, ist gar nicht wirklich wichtig, weil . . .

Weil Arbeitszeit nur eine Rechengröße für Lohn- und Gehaltszahlungen ist. Wenn es bei der Arbeit nur um die Arbeitszeit gehen würde und darum, wie lange wir arbeiten, hätten wir unsere Höhlen wahrscheinlich noch nicht verlassen.

Wir würden unseren Stein in die Stechuhr am Höhlausgang werfen und unsere Arbeitszeit im Wald irgendwie herumkriegen.

Das Wesentliche bei der Arbeit ist das, was bei der Arbeit herauskommt!

Wir brauchen ein Bezahlsystem, das für Arbeitsergebnisse und nicht für Arbeitszeit bezahlt.

Wir haben das Arbeitsentgelt auf die Arbeiten, die gemacht werden, herunterzubrechen. Das Abarbeiten dieses Teiles des Arbeitsberges bedeutet so und so viel Arbeitsentgelt so weiter.

Wir haben uns von den Achtstundentagen zu verabschieden.

Stattdessen brauchen wir klar definierte Arbeiten, die in einer Woche oder an einem Tag oder in einer Stunde abzuarbeiten sind – mit dem und dem Arbeitsentgelt, das nicht mit der Dauer des Arbeitens zusammenhängt. Oder nur als zusätzliche Belohnung bei besonders schneller Abarbeitung. Oder als Arbeitsentgeltabzug bei besonders langsamer Abarbeitung.

Wir können auf diese Weise mit mehr Geschwindigkeit arbeiten, ohne das Risiko eingehen zu müssen, für mehr Geschwindigkeit bei der Arbeit mit noch mehr Arbeit „zugeschüttet“ zu werden.

Oder mit Langeweile „bestraft“ zu werden.

Weil es für heute nichts mehr zu tun gibt.


*59 Prozent aller Beschäftigten in der Bundesrepublik arbeiten mindestens während der Hälfte ihrer Arbeitszeit an einem Büroarbeitsplatz. Mehr als die Hälfte davon in Ein- und Zweipersonen-Büros. Stand: 2019. Quelle: Industrieverband Büro und Arbeitswelt e. V. (IBA)

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