Ich arbeite seit mehreren Monaten im „Homeoffice.“ Früher ging ich meiner Beschäftigung von zu Hause nach. Während der Verbreitung des Coronavirus ist das zu einem wichtigen Faktor in der Arbeitswelt geworden

Mein Schreibtisch steht in meinem Arbeitszimmer. Früher stand er noch in meinem Kinderzimmer.

Die Hausaufgaben habe ich in der Küche meines Elternhauses gemacht. Und die Schule habe ich außer Haus besucht.

Das wirklich Wichtige war meinem Schreibtisch vorbehalten.

Ein Buch, das ich gerade las oder noch lesen wollte.

Meine Notizen.

Ich kann mir kein Leben ohne meinen Schreibtisch vorstellen. Es muss nicht einmal mein eigener sein. Ich kann meinen Schreibtisch in vielen Tischen wiedererkennen. Wenn ich einmal „woran sitze“, habe ich es fast so schön wie zu Hause. Wo halt der Schreibtisch steht, den ich mein Eigen nennen kann.

Man muss die Beine unter dem Tisch lang machen können. Er kann einfach gehalten sein. Neuerdings mag ich keine klobigen Tische mehr. Meinen Schreibtisch aus Massivholz habe ich erst kürzlich an einen Studenten verkauft. Er hat Schnitzereien, die Vögel darstellen.

Na gut.

Manchmal vermisse ich ihn noch.

Mein Schreibtisch ist mein Arbeitsplatz

Was ich damit sagen will: Mein Schreibtisch ist kein Gegenstand, an dem ich hänge oder den ich besonders lieb habe. Er ist ein Gebrauchsgegenstand.

Ich fühle kaum einen Verlust, wenn ich ihn zurücklasse.

Ein Schreibtisch ist kein Vergnügen. Man hat keine Freizeit an ihm. Man hat etwas zu tun.

Was tue ich an ihm?

Meine Büroarbeit, seit ich ein Geschäft habe.

Meine Webseitenarbeit, seit ich eine Webseite habe.

Meine Schreibarbeiten, seit ich was zum Schreiben habe.

Man sitzt nicht einfach nur an ihm, um sich ein bisschen die Wochen und Jahre zu vertreiben. Wie man zum Beispiel auf der Kautsch hocken und in das gewitzte Telefon hineingucken kann. Hineinversinken. Oder in den Fernseher.

Es hat einen gewissen Ernst und eine Verpflichtung. Hier muss ich schon was tun. Hier kann ich was tun.  Hier ist mein Arbeitsplatz!

Mein Schreibtisch heißt heutzutage Homeoffice

Das „Homeoffice“ hat sich in meinem Leben ergeben, wie sich Wohnorte und Freundschaften ergeben können. Es hat, seit ich einen Schreibtisch habe, dazu gehört (auch wenn ich es nicht so genannt habe.)

Es waren halt meine Beschäftigungen, denen ich zu Hause nachging, meine Hausaufgaben, mein Pauken und Büffeln, mein Studieren, meine Einsamkeit und meine ersten Schreibversuche – meine „Selbstverwaltung“ hat immer im „Homeoffice“ stattgefunden.

Niemand wollte das wirklich „Homeoffice“ nennen. Selbst wenn man seiner beruflichen Tätigkeit von zu Hause aus nachgegangen ist. Das Wort war nicht besonders gebräuchlich und man hat sich ein bisschen geschämt, wenn man es benutzt hat.

Das „Homeoffice“ war nur eine Beschönigung dessen, was eigentlich Sache ist. Ein anderes Wort dafür, dass etwas nicht stimmt. Wenn es nicht einer bestimmten Notlage geschuldet war, für die man selbst gar nichts konnte, war es ein Karriereknick.

Man war schon fast am Ende, wenn man sein berufliches Dasein im Homeoffice zu fristen hatte und man hatte nur einen Wunsch: es möglich bald wieder zu verlassen.

Das Homeoffice kann seine Schwierigkeiten haben

Noch heute, und ich würde behaupten, noch in den allermeisten Fällen, ist das Homeoffice mit Vorurteilen behaftet und mit einer gewissen Form der Geringschätzung. Man will sich gar nicht vorstellen, wie Menschen im Homeoffice arbeiten. Mit der Hand nur noch am Hosenbereich, wo die Beine zusammenlaufen.

Es kann zu keiner Teamarbeit, beispielsweise beim Kaffeekochen, kommen.

Der Austausch unter Kollegen ist auf Telefon- und Videokonferenzen, E-Mails und Kurznachrichten beschränkt.

Die Kantine muss weniger kochen.

Die Reinigungsfirma hat weniger zu tun.

Die Büroräume können dann schon mal ein bisschen leer stehen.

Die Frage ist, ob das Homeoffice den Menschen wirklich zugemutet werden kann oder nicht. Und wie lange.

Die Arbeitswelt wird sich grundsätzlich wandeln – wie sie es immer schon getan hat. Büroarbeiten werden teilweise ins Homeoffice hinüberrationalisiert werden können. Nicht als Notlösung sondern als eine besonders wirtschaftliche Herangehensweise: die Kosten für Mieten könnten gesenkt werden, weil ein paar Räume oder Etagen nicht mehr benötigt werden. Die Arbeitszeit, die beim Durchmessen der Korridore sprichwörtlich auf der Strecke bleibt, kann am Bildschirm zu Hause besser genutzt werden: Es ist alles mit ein paar Klicks da.

Das Homeoffice hat den Fokus auf Arbeitsergebnisse und nicht auf Arbeitszeit

Wenn es nicht darum geht, seine Arbeitszeit im Bürogebäude hinter sich zu bringen, sondern nur noch darum, eine bestimmte Arbeit zu machen, nicht um das Herumsitzen und Nasebohren in einem Bürogebäude, sondern um das, was gearbeitet wird und nur darüber Gehälter bestimmt werden, können die 8-Stunden-Arbeitstage verkürzt und radikal flexibilisiert werden.*

Weil alle schneller arbeiten.

Weil nicht mehr in erster Linie die Anwesenheit für eine bestimmte Zeitspanne zählt.

Was die Bezahlung von Büroarbeit und Arbeit im Allgemeinen angeht, hat sich ein merkwürdiges Verfahren in der modernen Welt eingeschlichen: Die geleistete Arbeit wird mit Hilfe der Arbeitszeit bemessen. Wie lange etwas dauert, so viel Geld gibt’s dann mehr oder weniger auch. Wer lange arbeitet, hat im herkömmlichen Sprachgebrauch auch viel gearbeitet.

Das ist natürlich Quatsch.

Wer lange arbeitet, kann viel gearbeitet haben. Er kann aber auch nicht klargekommen sein mit seiner Arbeit. Oder langsam gearbeitet haben. Oder gar nicht.

Wie kann die Arbeitszeit erfasst werden? Hat die überhaupt noch eine Rolle zu spielen?

Die Arbeitszeit wird überbewertet, weil. . .

Weil sie eine Rechengröße für Gehaltszahlungen ist. Wenn es bei der Arbeit nur um die Arbeitszeit gehen würde und darum, wie lange wir arbeiten, hätten wir die Höhlen wahrscheinlich noch nicht verlassen.

Wir würden unseren Stein in die Stechuhr am Höhleneingang werfen und unsere Arbeitszeit mit Höhlenmalerei herumkriegen.

Das Wesentliche an der Arbeit ist das, was am Ende herauskommt.

Können wir kein allgemeines Gehaltssystem entwickeln, das für Arbeitsergebnisse bezahlt?

Ist es wirklich nicht möglich, Gehaltszahlungen auf die Arbeiten, die anfallen, herunterzubrechen? Das Bearbeiten dieses Vorganges hat eine Gehaltszahlung in der und der Höhe zur Folge. Und so weiter und so fort.

Wo kommen wir damit hin?

*59 Prozent aller Beschäftigten in der Bundesrepublik arbeiten mindestens während der Hälfte ihrer Arbeitszeit an einem Büroarbeitsplatz. Mehr als die Hälfte davon in Ein- und Zweipersonen-Büros. Stand: 2019. Quelle: Industrieverband Büro und Arbeitswelt e. V. (IBA).

Homeoffice – Erfahrungen und Gedanken

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